
GERMAN BEAT-Herausgeber Sven hat sich kürzlich die US-amerikanische CD-Version des Klassikalbum “Ocean’s Kingdom” von Paul McCartney zugelegt. Das Werk wurde Ende September letzten Jahres veröffentlicht. Seiner Ausgabe lag ein Gutschein für den kostenlosen Download der gleichnamigen Liveaufnahme der Ballettpremierenaufführung in New York bei. Der Griff in die klassische Trickkiste ist für Sir Paul schon ein stückweit Routine geworden. Wie zuvor ist die Reihe der Skeptiker seiner Arbeit länger als die der Freunde. Die New York Times schrieb, so Reuter, McCartneys Partitur enthalte “viel Farbe und Melodie” und war “alles in allem akzeptabel”, aber “in keiner Weise eine wichtige Ergänzung im Reigen der Ballettmusik”. Die Aufführung in New York soll wohl noch belangloser gewesen sein als das Werk. Schlimmer noch: “Als Paul McCartney auf der Premierenveranstaltung erschien, war es der dramatischste Moment des Abends. Ein Kritiker bemerkte: Viele Damen schrien, wie seinerzeit 1964″, so die Huffington Post.
Dezidierter geht BBC bei der Rezension der CD-Aufnahme vor. “McCartney ist ein Meister des Melodienschmiedens, seine Stärken liegen im kompakten Format. Selbst seine früheren größeren klassischen Werke wurden entweder in zahlreiche kurze Sätze aufgeteilt oder es gab die Chorwerke, wo die Texte einen klaren strukturellen Rahmen zur Verfügung gestellt haben. Ihn von Seiten des New York Baletts mit der Komposition von fast einer Stunde rein orchestraler Musik (eine Symphonie mit anderen Worten) zu betrauen, bedeutete für McCartney einen gewaltigen Sprung zu meistern in Bezug auf die melodische Entwicklung und auf eine großflächige Strukturierung. Pech für alle, er hat einfach nicht das klassische Know-how, um es zu leisten.”
“Trotzdem wäre es weder wirklich fair noch treffend, ‘Ocean’s Kingdom” zu Paules klassischem ‘Ob-la-di ob-la-da’ zu erklären: Na gut, sicherlich hat man es weniger mit einem avantgardistischen Meilenstein der Zwölftonmusik zu tun als mit Komfort-Klassik mit sperrangelweit geöffneten Zugangspforten. Selbst der Nicht-Klassik-Kenner wird das dumpfe Gefühl nicht los, all das irgendwoher zu kennen. Das allerdings rüttelt nicht daran, dass Paul McCartney in seinem kleinem Zeh noch immer mehr Melodiegefühl besitzt als andere im gesamten Körper: Die Harmonieabläufe scheinen fast instinktiv zu fließen, die unzähligen Motive werden so eingesetzt, wie man einen Rocksong mit Riffs versehen würde”, ist sich Jana Fischer von plattentests.de sicher.
Recht hat unsere Kollegin! Gut, das Album ist nicht ganz so variabel wie beispielsweise “Ecce Cor Meum”. Wir wollen vielmehr glauben, dass Sir Paul die bereits zitierte “großflächige Strukturierung” doch ganz gut gelungen ist. “Mir gefällt vor allem der vierte Satz mit einem fulminanten Schluss,” so Sven. “Leider bin ich im Ballett überhaupt nicht beheimatet … ok, ‘Black Swan’ war ein phänomenaler Film, aber … muss sich der Soundtrack eines solchen Tanztheaters nicht per Definition etwas zurücknehmen? Die Akteure auf der Bühne sind die Helden. So gesehen: Mission accomplished, Sir Paul.”
Gerade in den letzten Jahren entpuppt sich der Brite als variabler Künstler – in seiner Kernkompetenz als Ex-Beatle schon seit Jahrzehnten. Jetzt wird demnächst auch noch ein Art Jazzalbum erscheinen. Im krassen Gegensatz zu seinem Fireman-Projekt. Mein kann seinem Katalog vieles vorwerfen, aber keine Einfalt und keine Langeweile.
Bildnachweis: CD-Album-Cover von “Paul McCartney’s Ocean’s Kingdom”. (C) Hear Music, 2011.

